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Dörte Rentzel

KONTROLLFRAGEN

ISBN: 9783837093759

 

Vor dem Hintergrund der bewegenden Ereignisse der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts versucht der junge Krischan in der damaligen DDR seinen eigenen Weg zu finden. Er macht sich so seine Gedanken über die Liebe, die Politik, die Musik und den eigentlichen Sinn des Lebens.

Auszug

28.10.1954

 

Ich lebe in einer Familie von großen Biologen. Heute haben sie einstimmig festgestellt, dass ich ein Affe bin (als ob ich das nicht schon vorher wusste). Ich habe auch keine persönliche Note mehr, da ich einen Haarschnitt trage, den alle tragen, wie serienmäßig hergestellt. Gleichzeitig stellen sie aber fest, dass in meiner Klasse bestimmt keiner ist, der so einen „kapitalistischen“ Haarschnitt trägt. Komisch, was trifft denn nun zu? Tragen sie ihn nun serienmäßig hergestellt oder fast gar nicht? Dies ist zu hoch für einen Affen. Der Affe hat aber scheinbar doch einige erworbene (nicht vererbte) gute Eigenschaften, er kann einen Menschen, der ihn versteht, lieben.

Auch soll man am Haarschnitt eines Menschen sein Bewusstsein erkennen. Hat man kurzes, sehr kurzes Haar, so ist man kapitalistisch eingestellt. Dies kann ich dann rein logisch noch vervollständigen, Menschen mit langen Haaren sind demokratisch und Menschen mit Glatze haben gar kein Bewusstsein.

Noch dazu soll ich zu einem Amijungen…, nein Amiboy (hört sich scheinbar besser an) geworden sein, sagt man. Kann sein, wo ich schon etwas Englisch kann (hallo baby! Oder that`s the US- force radio service).

Heute gab man mir, dem Affen, den wohlgemeinten Rat, meine Freundschaft zu Ekki abzubrechen, wie schon so oft davor. Auch könne meine Mutter nicht verstehen, dass es noch Mädchen gibt, die so einen Menschen, sprich Affen, wie mich mit kapitalistischer Frisur überhaupt noch ansehen. Also Bärbel, überleg es dir, das hat ein Mensch mit immerhin 47-jähriger Lebenserfahrung gesprochen.

Na ja, bisher ist es immer so gewesen, dass die Jugend von neuen Sachen begeistert ist und die Alten Widerstand leisten. Früher hat man auch heimlich angefangen Foxtrott zu tanzen und lies sich den so verpönten Bubikopf schneiden. Heute tanzt man Boogie und trägt „Bürste“. Vielleicht schimpfe ich in 20 Jahren auch einmal über meine Kinder. Dann sitze ich in einem großen Schaukelstuhl, hab meine Pfeife im Mund und zittere mit dem Kopf (mit Bürste) und den Händen. Meine Kinder toben um mich herum, tragen den modischsten Haarschnitt, vielleicht Glatze oder wie Robinson Crusoe bis auf die Schultern und ich werde toben und sagen: “Als ich noch jung war, hatte die Jugend wenigstens noch Anstand. Damals trugen sie wenigstens noch Bürste und tanzten Boogie mit Aufspringen. Aber heute…?“ Ja, vielleicht werde ich mal so reden, bloß als Affen werde ich sie nicht bezeichnen, das könnte ja auf mich zurückfallen. Und ich werde auch nicht jeden Satz mit „Bewusstsein“ anfangen.